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Stolperstein für Michael Schnabrich

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Stolperstein Michael Schnabrich

Michael Schnabrich wuchs in einer Arbeiter-familie in der oberfränkischen Gemeinde Stadtsteinach auf. Sein Vater war Waldarbeiter und Tagelöhner. Nach seiner Schulzeit (1886–1894) absolvierte er von 1894 bis 1897 eine Schuhmacherlehre. Seine  Wanderjahre verbrachte Schnabrich ab 1897 in der Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland. 1899 trat er in Weißenfels in die SPD  und in den Zentralverband der Schuhmacher ein. Bereits ein Jahr später bekleidete er den Vorsitz des sozialdemokratischen Ortsverbandes. In Weißenfels heiratete er auch Emma Dabelow. Das Ehepaar hatte zwei Söhne und eine Tochter, Konrad (1901), Gretchen (1905) und Paul (1911).

Michael Schnabrich
Michael Schnabrich

Bis 1906 arbeitete Schnabrich als Schuh-macher, unterbrochen vom zweijährigen Wehrdienst von 1902 bis 1904. 1906 wurde er hauptamtlicher Sekretär der Schuhmacher-gewerkschaft in Wermelskirchen 1909 wechselte er als Mitarbeiter des Schuhmacher-verbandes nach Frankfurt am Main. 1911 bot ihm die SPD Hersfeld die Kandidatur für den Reichstagswahlkreis Hersfeld- Hünfeld-Rotenburg an. Er erzielte einen angesichts der ländlichen Struktur des Wahlkreises beachtlichen Erfolg. Der Inhaber des Mandats, der Antisemit Werner, konnte den Wahlkreis erst im zweiten Wahldurchgang verteidigen. Schnabrich blieb nach der Wahlniederlage in der Parteiarbeit, von 1913 bis 1919 war er Parteisekretär in Hanau. Unterbrochen wurde dies von seinem Kriegsdienst,  aus dem er zwar mit dem EK 2, aber auch mit einer Gasverletzung als Kriegsbeschädigter zurückkehrte.

1919 kam Schnabrich, jetzt als Sekretär des ADGB nach Hersfeld zurück. Bald engagierte er sich auch kommunalpolitisch, von 1921 bis 1924 und von 1925 bis 1926 war er Stadtverordneter, anschließend Kreistagsabgeordneter im Landkreis Hersfeld. Von 1919 bis 1926 vertrat er die SPD im Kommunallandtag Kassel und Provinziallandtag der Provinz Hessen-Nassau.  Bei der Reichstagswahl im Mai 1924 erzielte er ein Mandat im Wahlkreis 19. Mitglied des Reichstags blieb er bis 1933. Im April 1932 trat Schnabrich als einer der wenigen Sozialdemokraten in der Reichstagsfraktion für Überlegungen ein, die NSDAP angesichts deren Stärke in Koalitionen einzubeziehen, innerhalb derer die Partei ihre Unfähigkeit demonstrieren würde. Der Grund dafür lag darin, dass die SPD in Preußen erheblich an Zustimmung verloren hatte.

Aufsehen erregte Schnabrich in Hersfeld, als er 1919 zusammen mit dem Fabrikanten Fritz Rechberg einen Bauverein zur Selbsthilfe angesichts der nach dem Krieg grassierenden Wohnungsnot aus der Taufe hob. Eine derartige Zusammenarbeit zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ war zur damaligen Zeit – die Sozialistengesetze des Kaiserreichs lagen erst wenige Jahre zurück – ungewöhnlich und brachte Schnabrich viel Kritik ein.

Nach der Machtübergabe an die deutschen Faschisten 1933 zog sich Schnabrich ins Privatleben zurück. Er zog zu seiner Tochter nach Kassel in die Holländische Straße 46, nachdem er im Frühjahr 1933 in Kassel sechs Wochen in Gestapo-Haft war. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, kaufte er mit dem Erlös seines Hersfelder Hauses in Kassel ein Kino, das er zusammen mit seiner Familie betrieb. Die Schauburg-Lichtspiele in der Holländischen Straße 35 wurden auch nach Schnabrichs Ermordung 1939 von seiner Familie bis zur Zerstörung im Oktober 1943 weitergeführt.

Michael  Schnabrich wurde  am 1. September 1939 im Zuge der Kriegs-Sonderaktion erneut verhaftet und Mitte September ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert.

Dort wurde er, bereits seit Jahren herzkrank, von dem SS-Blockführer Schubert durch Stiefeltritte in den Unterleib so misshandelt, dass er an den Folgen am 9. Oktober 1939 verstarb.  Zuvor war ihm eine medizinische Behandlung im Konzentrationslager verweigert worden. Schubert wurde 1959 vom Landgericht Bonn zu lebenslanger Haft verurteilt.

Nach Schnabrich sind heute Straßen in Bad Hersfeld und Kassel sowie das Haus der Geschäftsstelle der SPD des Landkreises Hersfeld-Rotenburg benannt. Am Berliner Reichstag erinnert ein Denkmal an 96 von den Faschisten ermordete Reichstagsabgeordnete, darunter auch  an Michael Schnabrich.

Im Konzentrationslager Sachsenhausen – 50 km nördlich Berlin – sind von 1936 bis 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert gewesen,  zunächst politische Gegner des Naziregimes und ab 1939 Bürger aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas. Zehntausende kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen um oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS. Ab 1944 waren nahezu 90 % der Häftlinge Ausländer, sehr viele aus der UdSSR und Polen.

Norbert Sprafke, August 2017

Veröffentlicht: 20.09.2017

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Datum des Ausdrucks: 15.12.2017